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"Stuttgarter Zeitung" vom Sa, 14.07.01:
Alles andere ist nur eine Tändelei
Auch eine Art von Brauchtumspflege: Mit dem Schwert kann man den klassischen
Kampf gegen sich selbst führen
Von Gisela Fechner
In Japan ist der Manager, der sich in Kampfkunst übt, um fürs harte Business gewappnet zu
sein, nichts Ungewöhnliches. Betreibt er gar Kendo, die hoch geachtete Schwertkunst, gehen
die Geschäftspartner am Verhandlungstisch in Hab-Acht-Stellung: Vermuten sie bei diesem
Gegenüber doch wachen Geist, starken Willen - und Intuition für den richtigen Treffer im
rechten Moment.
In welchem Ruf stünde wohl ein deutscher Konzernchef, der zwecks Entspannung nicht zum
Tennisschläger, sondern zu einem Schwert greift, der Kraft und Ruhe nicht auf dem
Golfplatz, sondern in mittelalterlicher Fechtkunst sucht? Sein japanischer Kollege zumindest
wäre entzückt. Doch während der Umgang mit dem Schwert in Asien durch die Jahrhunderte
in Ehren gehalten wurde und eher Lebensphilosophie denn Sportart darstellt, geriet der
Schwertkampf in Europa mit Aufkommen der Feuerwaffen im 17. Jahrhundert in
Vergessenheit. Übrig geblieben sind das studentische Fechten und Sportfechten.
In den Köpfen festgesetzt hat sich die Assoziation von Schlachtengetümmel, wo Haudegen
der Römer- oder Ritterzeit aufeinander eindreschen. Ein Bild, für das vor allem Hollywood-
Filmemacher gesorgt haben. Ein Trugbild, sagt Wolfgang Abart, Schwertkampflehrer und
Choreograf für historische Kampfszenen aus Rottenburg: „Den Regisseuren sind authentische
Kampfszenen nicht spektakulär genug. Aber ein Schwertkampf dauert nur wenige Sekunden.
Alles andere ist Tändelei."
Der eigentliche Kampf ist nur eine Sache von Sekunden
Fechtszenen mit theatralischen Schlägen auf Schild und Klinge machen sich natürlich besser
als zwei sich regungslos Gegenüberstehende, die sich mit den Augen fixieren, allenfalls wie
in Zeitlupe ihre Stellung korrigieren - um unerwartet zum Angriff vorzupreschen und das
Duell, kaum dass es begonnen hat, schon zu beenden. Schaukampf ist Show: Wären Klingen
tatsächlich Schneide gegen Schneide geschlagen worden, hätten sie nicht lange überlebt, weil
jeder Schlag tiefe Scharten reißt. Das Schwert aber war eine wertvolle Waffe, die von
Generation zu Generation weitervererbt wurde. Parierstange und Griff wurden vielleicht der
neuesten Mode angepasst, die Klinge aber wurde von der Nachkommenschaft gehegt und
gepflegt.
Es gibt nicht viele Experten auf diesem Gebiet. Abart gehört zum Kreis derer, die das kaum
mehr vorhandene Wissen um diese klassische Kampfkunst „im Sinne der Brauchtumspflege"
wieder ausgraben wollen. Literatur gebe es wenig: „Ich sehe mich ein bisschen als
Archäologe." Und das Interesse an diesem alten Feld wächst, wie die Teilnehmerzahl seiner
Trainingsabende und Volkshochschulkurse in „Lebendiger Schwertkunst" zeigt, die er seit
geraumer Zeit in der Region anbietet. Die eigene Schule ist im Entstehen.
Schon als Kind sah er sich als Schwertschmied. Weil der Berufswunsch indes „nur Heiterkeit
auslöste", absolvierte er eine Schreinerlehre und ging in den Entwicklungsdienst nach
Indonesien. Das war nicht sein Weg. Irgendwann klappte es doch noch mit einer Lehre bei
einer Firma, die immerhin Theaterrequisiten herstellte. Endlich gab es
Klingen zu fräsen und zu polieren, die man auch gleich ausprobieren konnte. Der
Dorfschmied wurde aufmerksam - und der junge Mann Geselle in der Schwertschmiedekunst.
Ein gutes Schwert zu schmieden ist eine aufwendige Sache. Mit dem heutigen Industriestahl
könne man derart hervorragende Klingen, wie es die alamannischen Schmiede vermochten,
gar nicht mehr herstellen, sagt der Schwertkundige. Gemeinsam mit dem Schmied Arno
Eckhardt aus Reutlingen hat Abart im Württembergischen Landesmuseum Untersuchungen an
Langschwertern, so genannte Spatha, und an Schädelschnittverletzungen vorgenommen. Die
frühmittelalterlichen Klingen, so die Erkenntnis, müssen extrem hart, zugleich flexibel und
äußerst scharf gewesen sein und können sich mit den bekannten japanischen „Katanas"
messen. Diese Entdeckung, schmunzelt der Rottenburger, habe bei japanischen
Schwertmachern für ziemliche Aufregung gesorgt.
Aber Waffe soll das Schwert ja gar nicht mehr sein. Zwar erlaubt es das Gesetz, sich damit
auf der Straße zu zeigen. Das muss ein Schwertlehrer bisweilen Polizisten erklären, denen das
verhüllte Ding auf seinem Rücken komisch vorkommt und die auf die freundliche Auskunft
„Ja, das ist ein Schwert!" doch recht irritiert reagieren. Öffentliche Veranstaltungen dürfen
nicht mit der Klinge am Gürtel besucht werden. Ein Relikt aus Zeiten, als man seine
friedlichen Absichten durch das Ablegen der Waffen an der Pforte bekundete.
Mit dem Schwert durchs 21. Jahrhundert? Der Interessentenkreis der Kurse ist bunt gemischt,
„vom Geologiestudenten über die Sportlehrerin bis zum Ingenieur". Manche wollen sich in
Schwertkunst üben, weil sie historische Waffen oder das Mittelalter lieben, andere wollen die
europäische Variante dieser Kampfkunst kennen lernen. Erstaunlich viele Frauen ziehen das
Schwert, denn man braucht keine Brünhilde sein: Auch wenn die Schlagkraft des Mannes zur
argen Herausforderung wird, beweist sich einmal mehr, dass schiere Kraft nicht alles ist - die
Technik macht's und die Geschwindigkeit.
Im Kurs wird das Holzschwert verwendet. Zweihändig. Die Koordination von Körperhaltung
und Schwertführung ist für Anfänger harte Knochenarbeit. Da erinnert die „Ochsen"-
Drohhaltung eher an ein tänzelndes Kalb, und der martialische „Unterhauzwerch", also eine -
igitt - Schneidebewegung von schräg unten nach oben, gerät zum Gefuchtel. Und überhaupt:
mit Blasen an den Händen ist ein Duell so eine Sache. Doch wenn die Bewegungsabläufe
sitzen, sieht dies alles sehr elegant aus.
Ein fester Blick lässt das Gegenüber bereits zögern
Moderner Schwertkampf ist indes keine zweischneidige Sache. Wer sich als Highlander
wähnt mit dem Schwert unterm Mantel oder im Fantasy-Spiel vergisst, in welchem
Jahrhundert er lebt, sollte durchaus das Schwerttraining wagen: Womöglich erficht er sich
dort die ersehnte Stärke und Gelassenheit, doch in anderem Sinn. Abart und seine beiden Co-
Trainer, Michael Schulz und Holger Keller, machen den Kursteilnehmern deutlich, dass es
„nicht ums Draufhauen geht". Vielmehr um die Schulung von Körper und Geist. Um sich und
andere einzuschätzen und eine Attacke abzuwehren - ob im Sport oder im Alltag - braucht es
Selbstbeherrschung, Konzentrationsfähigkeit, Ausdauer, Entschlusskraft und rasches
Reaktionsvermögen. Der Kampf wird zuallererst mit sich selbst geführt, sagt der 28-Jährige:
„Mit dem inneren Schweinehund." Das Training erfordert ein Höchstmaß an
Aufmerksamkeit, die keinen Raum mehr lässt für andere Gedanken. Angst oder Aggression -
wer seine Gefühle nicht hinter sich lässt, hat schon verloren. In der Ruhe liegt die Kraft.
Waren die Rituale und Techniken des Schwertkampfs bei den Wikingern und Rittern ähnlich
wie bei den Samurai? „Alle Völker, die sich mit Kampftechniken beschäftigen, nutzen
meditative Elemente", sagt Abart. „Ki" nennt man in der asiatischen Kampfkunst die „Energie
des Handelns". Eigentlich ist es ein Bewusstseinszustand. Im Kurs wird deshalb nicht nur die
Haltung der Arme und Beine mit strengem Blick kontrolliert. Die innere Haltung gilt es zu
finden. Nicht jeder schlägt danach mit bloßer Hand Steine entzwei. Doch wie schon ein fester
Blick das Gegenüber zögern lässt, zum ersten, vielleicht entscheidenden Schlag auszuholen,
macht die Kampfwilligen nachdenklich.
Am Ort der Erleuchtung bleibt die Waffe stecken
Abart ist sich sicher, dass man in den mittelalterlichen Fechtschulen um die Kraft durch
Konzentration wusste. Auch er hatte sich mit Aikido und anderen Kampfkünsten auseinander
gesetzt, bevor er die Aufzeichnungen von Hans Talhoffer in die Hand bekam, eines im 15.
Jahrhundert renommierten Fechtmeisters im schwäbischen Raum, dessen Techniken ihm
Vorbild sind.
In Japan sagt man, das Geheimnis der Schwertkunst bestehe darin, das Schwert nicht zu
ziehen. Die Übungshalle wird „Ort der Erleuchtung" genannt.
Lebendige Schwertkunst, sagt Wolfgang Abart, ist eine fortwährende Übung im Umgang mit
sich selbst: „Ich erkenne, wo ich stehe, und muss mir klar werden: Kann ich es wagen, einen
Schritt weiter zu gehen?"
www.Lebendige-Schwertkunst.de
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